Nach Indien reisen? Gedanken über ein fremdes Land

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Sollen wir? Oder lieber nicht?

Diese Frage haben wir uns auch lange gestellt und immer wieder überlegt. Chris war vor 15 Jahren schon mal alleine mit dem Rucksack in Indien und hat es geliebt. Aber mit mir zusammen, einer Frau, in dieses Land? Gerade als vor Jahren mehrere Fälle von sexuellen Übergriffen durch die Presse gingen, haben wir uns von Indien gedanklich distanziert, doch so ganz hat es uns doch nie losgelassen.

Jetzt haben wir doch eine Reise nach Rajasthan gewagt und ich möchte euch ein paar Gedanken und meine Eindrücke schildern, so dass ihr eine Vorstellung habt, was euch erwarten könnte.

Was soll ich sagen? Wir haben die Reise sehr genossen und dieses Land hat sich in unser Herz katapultiert. Wir reisen um neue Kulturen und Ländern kennenzulernen, je exotischer desto besser. Und Indien ist definitiv mit keinem uns bekannten Land vergleichbar und gerade das macht es so spannend. Das Leben ist hier ungeschönt in all seinen Facetten sichtbar. Man kann sich weder dem Reichtum noch der Armut verschließen, da sie direkt vor einem liegen. Das Land ist bunt und laut, raubt einem manchmal den Schlaf und lässt einen Lachen.

In Indien werden wir morgens vom Kamel begrüßt
Nach Indien reisen: In den Straßen von Jodhpur

Kulturschock Indien?

Immer wieder liest man diese Formulierung und fragt sich, was dahintersteckt. Laut Wikipedia ist ein Kulturschock ein „schockartiger Gefühlszustand, in den Menschen verfallen können, wenn sie mit einer fremden Kultur zusammentreffen“.

Jetzt, da ich die Definition des Begriffes kenne, kann ich guten Gewissens sagen, dass das Wort Kulturschock meines Erachtens komplett übertrieben ist. Ich muss aber zugeben, dass Indien nicht unbedingt ein Einsteigerland für die erste Fernreise des Lebens sein sollte. Verglichen mit anderen asiatischen Ländern sind hier die Kontraste zwischen arm und reich, die Gerüche, die Hygiene, der Lärm und vieles andere einfach viel ausgeprägter und schwer zu ignorieren. Wer noch nie aus Europa herausgekommen ist, kann vielleicht doch einen kleinen Schock verpasst bekommen. Aber wer schon ein bisschen was von der Welt gesehen hat, der wird sich auf das Land einlassen und vielleicht auch lieben lernen können. Indien ist definitiv ein Land, das polarisiert und die Frage, ob es einem gefällt kann man nur beantworten, wenn man es sich angesehen hat.

Nach Indien reisen: Männer mit Turban in Indien auf dem Dorf
Bunte Saris und Frauen in Indien

Die heiligen Kühe und andere Tiere

Dass es in Indien Kühe gibt, hat jeder vermutlich schon gehört. Dass diese mitten auf der Autobahn stehen vielleicht weniger. Kühe gibt es hier überall: auf der Straße, neben der Straße, im Vorgarten, in der Böschung, auf dem Grünstreifen, im Tempel, auf den Feldern…überall! Dazu kommen noch diverse Ziegen- und Schafherden, die fröhlich über die Straße traben und wie in anderen Ländern auch sehr viele streunende Hunde. Interessanterweise waren viele freilaufende Schweine zu sehen, die unseren Wildschweinen recht ähnlichsehen. Diese leben hier jedoch nicht wild, sondern gehören jemanden.

Insbesondere in den ländlichen Gegenden war es für uns immer wieder ein schönes Bild, wenn die Frauen in ihren glitzernden Saris die Tierherden über die staubigen Straßen getrieben haben. Auch wir standen regelmäßig auf der Straße inmitten von großen Kuhherden und mussten warten, bis wir weiterfahren konnten.

Also Tiere gehören hier zum Leben dazu und wenn sich in Deutschland jemand beschwert, dass er in einen Hundehaufen getreten ist, der sollte hier erstmal die Kuhfladen sehen. Übrigens werden diese von den Frauen zum Feueranheizen eingesammelt. Ich musste sehr lachen als ich später den Artikel “Inder machen Scheiße zu Geld”  gelesen habe.

Schweine überqueren eine Straße in Indien
Ziegen und Schafe auf der Straße in Indien

Straßenverkehr in Indien

Unser Fahrer hat uns die wichtigsten Regeln beim Autofahren erklärt:

  1. Gott: Dabei zeigt er auf diverse Götterbilder, die im Auto stehen.
  1. Die Hupe: Diese ist ständig im Gebrauch, von allen und zu jeder Uhrzeit.
  1. Die Bremse: Interessanterweise nicht so wichtig wie die Hupe und es sollte sich herausstellen, dass diese auch deutlich weniger zum Einsatz kommt.
  1. Geld in der Tasche: Falls man mal von der Polizei angehalten wird.

Wir waren sehr froh, dass wir so einen umsichtigen Fahrer hatten. Trotzdem ist uns zweimal ein Tuk-Tuk im Großstadtgewühl aufgefahren, was aber niemanden der beiden Fahrer weiter interessiert hat, gehört hier wohl dazu. Wir haben nicht schlecht gestaunt, wie viele Geisterfahrer es auf der Autobahn gibt. So kann man sich natürlich auch Umwege bis zur nächsten Auffahrt sparen.

Das Erstaunlichste an der ganzen Sache ist jedoch, dass das System hier trotzdem funktioniert. Auch an großen Kreuzungen mit mehreren Spuren rollt der Verkehr in einem geordneten Chaos und wir sind echt beeindruckt.

Verkehrschaos in Indien
Typisches Bild von einem komplett überladenem Traktor in Indien

Sauberkeit und olfaktorische Reize

Ein schwieriges Thema. Wir haben einmal ein interessantes Gespräch mit einem Inder geführt, der schon mal in Deutschland war. Ziemlich beeindruckt hat er von einer Maschine erzählt, die abends durch die Straße fährt und den Müll einsaugt. Das gäbe es hier nicht. Es gibt auch kein Mülltrennungssystem und nur sporadisch Mülleimer, die meist aber ignoriert werden. Häufig liegt der Müll am Straßenrand und stinkt so vor sich hin. Wir haben manchmal erstaunt geschaut, da wir fast meinten, dass die Kühe den Müll essen. Nein, sie haben ihn wohl nur ausgelutscht und wieder ausgespuckt. In den Städten haben wir immer wieder Müllsammler, darunter auch viele Kinder, gesehen. Diese gehen mit einem großen Sack durch die Straßen und sammeln wohl den Müll gezielt ein, der noch etwas Geld bringt.

Man muss sich vor Augen halten, dass viele Menschen hier definitiv andere Probleme als Mülltrennung haben.

Müll auf den Straßen Indiens

Pinkelnde Männer

Gehört das Thema in einen Blogartikel? Ich weiß es nicht, aber mich hat es nachhaltig beeindruckt, wie viele pinkelnde Männer ich hier gesehen habe. Es wird am Straßenrand gepinkelt, auf dem Feld, im Dorf, in der Stadt, an die Mauer und sonst wo hin. In manchen Städten haben wir sogar Toiletten auf der Straße gesehen. Manchmal tatsächlich ganz normale Toilettenhäuschen, aber viel häufiger eine gemauerte offene Nische, wo man dann noch mehr pinkelnde Männer sehen kann. Dort stinkt es meist auch gewaltig. Wir können dies ganz sicher bestätigen, da wir in Pushkar neben solch einer Toilette den Eingang unseres Guesthouses hatten und jeden Tag dieses Schauspiel erleben durften.

Soviel zu diesem Thema und Entschuldigung, dass ich das angesprochen habe.

Indien: offene Toiletten an der Straße

…und starrende Männer

Sorry liebe Männer, aber ich muss noch ein wenig über euch schreiben.

Als wir in Indien angekommen sind, hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass ich von Männern angestarrt werde. Am Anfang dachte ich mir noch, dass das ein wenig übertriebene Achtsamkeit meinerseits ist, da ich natürlich mit Vorurteilen ins Land kam. Aber irgendwann habe ich Chris gefragt, ob er denn auch den Eindruck habe, dass ich angestarrt werde und ja er konnte mir dies bestätigen. Glotzen bis die Augen rausfallen!

Ganz mutige haben auch mal höflich nach einem Selfie gefragt, mehr aber nicht. Ich muss aber dazu sagen, dass ich immer Chris in der Nähe hatte. Alleine wollte ich hier ehrlicherweise nicht durch die Straßen ziehen, wenn an jeder Ecke Grüppchen von Männern stehen. Das war mir nicht so geheuer, so dass ich auf dieser Reise darauf verzichtet habe, alleine mit der Kamera loszuziehen, was ich schon sehr schade fand.

Wenn wir beide fotografiert haben, ist uns immer wieder aufgefallen, dass bei Portraitaufnahme immer nur zu Chris geschaut wurde. Sobald die Kamera weggepackt war, wurde ich wieder angestarrt. Das hat mich manchmal echt zur Verzweiflung gebracht.

Ich verzichte bewusst drauf noch einen großen Exkurs über die Stellung der Frau in Indien zu schreiben. Dass hier keine Gleichberechtigung herrscht ist wohl jedem klar.

Indien: Männer auf der anderen Straßenseite
In Indien schauen mich alle Männer an, wenn ich der Straße bin

„Rupie, Rupie, please Madam“

Bei über 1,2 Milliarden Indern gibt es auch viele arme Menschen und hier ist die Armut nicht versteckt, sondern deutlich sichtbar. Wir fahren immer wieder an kleinen Zeltbehausungen vorbei, wo auch mal eine Leiche am Straßenrand liegen kann. Mehr als einmal hören wir von den Indern den Ausspruch „das sind arme Menschen“, ohne dass wir Empathie erkennen können. Es ist einfach eine gegebene Tatsache, dass es arme Menschen gibt.

Wie sind wir damit umgegangen? Lösen können wir das Problem nicht und helfen tun wir auch nicht, wenn wir Geld verteilen, dass sich am Ende des Tages ganz andere Menschen in die Tasche stecken

Also ignorieren wir alle Bettler, alle Kinder, alle Mütter mit Babys. Es klingt herzlos, aber mit der Zeit wird das immer einfacher. Die großen Kinderaugen, die einen flehend anschauen bekommt man aber leider nicht so einfach aus den Kopf.

Ich habe einen sehr informativen Artikel über  Betteln und wie man darauf reagieren sollte gefunden, den man sich vor seiner Reise durchlesen sollte. Dann fällt der Umgang damit sicherlich leichter.

Natürlich gibt es auf den Straßen überall die Jungs, die mit Sprüchen „Where are you from“ , „ Come in my shop“,  „Cheap, cheap“ ihr Netz ausspannen. Wer sich umdreht und sie anschaut hat verloren. Jede Reaktion wird als Interesse gewertet.

Also einfach nicht reagieren und weitergehen und schon hört der Spuk meist auf. Ehrlicherweise fand ich die Jungs in Ägypten viel aufdringlicher. Kommt vermutlich wie immer darauf an, wo man sich gerade befindet. Schlussendlich müssen wir sagen, dass wir kaum ernsthaft belästigt wurden. Vielleicht haben wir schon einen souveränen „Lass mich bloß in Ruhe Blick“ drauf oder hatten einfach Glück gehabt.

Kulinarische Genüsse

Jetzt zum Ende brauche ich noch ein schönes Thema: Essen

Für uns war Indien eine kulinarische Offenbarung, die uns jeden Tag erfreut hat. Nicht einmal in drei Wochen hatten wir Gelüste auf Brötchen, Käse oder Pizza. Wir haben sowohl von der Straße, wie auch im Hotel und Restaurants gegessen und es war echt alles sehr lecker und ist uns immer gut bekommen. Uns hat sehr überrascht, dass das Essen nicht wirklich scharf war, obwohl wir immer spicy bestellt haben. Nur einmal in der Wüste beim Essen über dem Lagerfeuer hat unser alter Kameltreiber ein wirklich scharfes, aber sehr gutes Menü kredenzt. Man muss beachten, dass es teilweise ganze Städte gibt, in denen es nur vegetarisches Essen gibt. Mich hat´s gefreut und Chris fand es auch nicht so schlimm mal einige Tage nur vegetarisch zu essen. Allein wegen dem Essen würde ich sofort wieder nach Indien reisen.

Mit viel Freude haben wir aus diesem Grund mehrere Kochkurse vor Ort gemacht und jetzt gibt es zu Hause wunderbare indische Menüs.

Papadams als Vorspeise im indischen Restaurant
Kulinarische Genüsse in Indien: Malai Kofta, Reis und Naan

Fazit:

Am vorletzten Tag unserer Reise hatten wir das Erlebnis, dass wir in einem Restaurant einen befreundeten Fahrer unseres Fahrers getroffen haben. Dieser hat mit uns gegessen und uns erzählt, dass er seit einer Woche einen sehr unangenehmen britischen Gast hat, mit dem er kaum noch ein Wort redet, da dieser so hochnäsig und nur am meckern sei. Seit einer Woche konnte er sich anhören, dass Indien zu dreckig und stinkend sei, dass Tiere auf der Straße wären usw.. Wir waren uns alle einig, dass er doch lieber in der Schweiz Urlaub machen sollte.

Ich hoffe mein Artikel konnte euch die Eigenarten des Landes etwas näherbringen und ein wenig zum Nachdenken anregen, ob ihr nach Indien reisen möchtet. Ich möchte euch davor bewahren wie jener besagter Brite zu enden.

Jedes Land, auch Deutschland, hat seine guten und schlechten Seiten. Indien stellt da keine Ausnahme dar. Man muss sich auf das Land einlassen können, um die Zeit dort zu genießen.

Für uns steht definitiv fest, dass wir mehr von diesem unglaublichen Land sehen möchten!

Unser Reiseblog: Wir beide vor dem Taj Mahal
Sonnenuntergang in der Wüste Thar bei Jaisalmer

Indien- Jaisalmer: Eine etwas andere Kamelsafari in die Wüste

Steppenlandschaft in Indien, Ranthambore

Indien- Ranthambore: Tiger und gutes Karma

Unsere Tour durch Indien-Mitten auf der Straße umringt von Kühen

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Indien-Tipps zur Besichtigung des Taj Mahal

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Was für ein traumhafter Beitrag! Die Bilder sind wundervoll! Schön, dass Du nichts verschönigt hast. Es ist nun mal ein extremes Land. Mal sehen, wo es uns hinverschlägt dieses Jahr, Indien wird es allerdings nicht werden 😉.

    LG, Beate

    Antworten
    • Vielen lieben Dank Beate. Es freut uns sehr, dass dir der Artikel gefällt, auch wenn es nicht nur die schönen Seiten des Landes zeigt. Trotzdem planen wir schon wieder den nächsten Urlaub, da uns das Land so fasziniert hat….LG, Dani

      Antworten

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